Minimalismus im Berufsleben // Teil 5 // Der Wert der Arbeit & berufliche Neuanfänge

Ich hatte schon so lange so viele Sachen so sehr satt an meinem Job.
… Das wiederholte und endlose Argumentieren gegen leere Behauptungen… Das Rennen gegen Wände – weil die Entscheidungen, die am Ende getroffen werden, viel zu oft auf Egos basieren, oder eben auf Werten, die nicht meine sind… Dieses inflationäre Benutzen von Marketingbegriffen, bis sie wirklich niemand mehr hören kann… Diese verkappten Kommunikationstechniken, die Entscheidungen verschlüsseln die sich am Ende doch nur um Profit drehen… Das ganze Hin- und Herdrehen von Zahlen, die Ohnmacht der schiefen Machtverhältnisse, das „schneller, höher, weiter“…

Es hat lange gebraucht, das Überschreiten sämtlicher Grenzen und das Überhören meiner eigenen Stimme. Doch irgendwann habe ich es sehr stark gespürt. Das hier, das ist einfach nichts mehr für mich. Und vielleicht war es das auch noch nie. Ich habe nur kurz gezögert, mir ein paar Tage gegeben. Und dann habe ich gekündigt. Erst wollte ich gleich weiter rennen, ab in die Selbstständigkeit. Aber die Rechnung habe ich ohne meinen Körper gemacht…

Ich hatte wirklich keine Ahnung, was da auf mich wartet und was das für ein Päckchen wird. Irgendwann muss man Ziele und Wunschdenken los- und den ganzen Prozess zulassen.

Ich teile heute mit euch 3 Tipps für berufliche Neuanfänge, wenn man wirklich ganz am Anfang steht.

Für viele von uns ist Arbeit identitätsstiftend. Und nein, das muss es nicht sein. Es kann auch einfach ein Job sein und das ist völlig in Ordnung. Für mich persönlich war es das einfach nicht mehr. Wir stecken viel Zeit und Energie in unseren Job und kreieren damit einen etwas, womit wir Geld verdienen.

…Ich habe den Job lange gemacht. Und ich habe ihn auch zum Teil ganz gut gemacht. Natürlich war es nicht immer nur schlimm. Mein Job hat mir viele Dinge ermöglicht, für die ich dankbar bin. Ich bereue nichts, so sehe ich es ehrlich nicht. Es ist okay wie es war und wie es jetzt ist. Doch das okay ist schließlich nicht mehr gut genug. Ich suche noch nicht mal nach dem großen Sinn, aber nach mehr Freude und weniger Gähnen und Augenrollen…

Der Prozess ist lang und schmerzhaft und weil ich noch mittendrin stecke, sind meine Tipps begrenzt. Aber diese drei Dinge habe ich gelernt:

  1. Hole Dir Hilfe
    Ich habe angefangen mit einer Coachin zu arbeiten. In der ersten Session habe ich über all das gesprochen, was mir auf der Seele liegt. Der innere Widerstand. Das Gefühl, nicht zurück zu wollen in alte Muster.
    „Ich habe einfach keine Lust mehr, Energie zu investieren in Dinge, die mir nicht wichtig sind“, sage ich leise, weil schüchtern.
    „Das hoffe ich doch!“, sagt meine Coachin bestimmt, und bestärkt mich mit einer Selbstverständnis, sodass es kurz klickt in mir. Und es klickt oft, in der Zeit in der ich mit der Coachin arbeite. Sie stößt viel an und begleitet mich und das tut gut.
  2. Lass die Scham nicht gewinnen
    Nach einer relativ spontanen Kündigung habe ich mich erst mal für meine Ohnmacht geschämt. Ich habe die ersten Wochen hauptsächlich geschlafen, war völlig erschöpft und überfordert. Mein ganzer Körper hat mich mit allen Kräften gebremst und mich geschützt vor einem planlosen, zu schnellen Handeln.
    Oft hat mein Umfeld gefragt: „Und nun?“, und ich hatte einfach keine Antworten. Irgendwann habe ich angefangen ehrlich zu sein, meine Gedanken zu teilen. Und man hat so schrecklich Angst davor verurteilt zu werden. Stattdessen bin ich in offene Arme gelaufen. Diese ganzen Sorgen die mit der Thematik kamen, das habe ich verstanden, die trage ich am Ende als erwachsene Person selbst. So banal es nun mal klingt, aber die guten Freunde die kümmern sich nicht um die Entwicklung Deines Einkommens, sondern um Deine Zufriedenheit und Deine Gesundheit.
  3. Prozesse kosten Zeit
    Vor allem braucht es viel Geduld. Und noch ein bisschen mehr. Der Prozess macht nicht immer Spaß. Denn so sehr ich von Zeit zu Zeit meinen Job gehasst habe – trotzdem ist es schmerzhaft, diese Identität von mir loszulassen. Und nicht nur das, es macht tierische Angst. Weil mit dieser Identität geht auch die Sicherheit.
    Immer wieder muss ich mir sagen, es ist gut so und es wird gut werden. Ich habe diese Pause gebraucht, um danach anders weiter zu machen. Und trotzdem habe ich damit gekämpft, mir die Unproduktivität zu erlauben. Und schließlich habe ich es zugelassen. All das „nichts-tun“. Das Warten. Das Überdenken. Das Schmieden neuer Pläne.

Und wir brauchen hier nicht um den heißen Brei herum reden:
Ich weiß, dass sich nicht jeder leisten kann spontan zu kündigen. Auch deshalb habe ich auch länger eingeschüchtert geschwiegen. Über meine Ängste und über ganzen Sorgen, die abseits von meiner durchaus privilegierten Situation, einfach da waren. Aber Privileg heißt nicht, dass da kein Schmerz ist. Es hat mir das Ganze natürlich leichter gemacht, das ist mir bewusst…

Sich mit Anfang 30 nochmal beruflich komplett umzuorientieren, dafür gibt es keine konkrete Anleitung. Das hier, das ist sehr persönlich. Ich dachte mir, wenn ich das mache, dann mach ich es jetzt. Dann renne ich dieses Mal nicht ohne Sinn und Verstand weiter. Dann geh ich jetzt in den Schmerz rein, stelle mir all diese unangenehme Fragen, halte aus, erlaube den Prozess, entscheide mich neu und nehme es in die Hand.

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