Traurigkeit / Nur zu Besuch

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Ich habe im letzten Monat nicht geschrieben. Zum Schreiben brauche ich einen freien Kopf. Und meinen freien Kopf hab ich definitiv vermisst in letzter Zeit. Da war so viel negatives. So viel Angst. So viel Stress… Ich war traurig.

Und immer wieder sag ich mir: „Reiß dich zusammen.“ Mein inneres ich wimmert und schüttelt den Kopf. „Zu müde“, sagt es. „Lass mich.“ Irgendwann lasse ich es auch. Ich lege mich auf die Couch, lass all die Traurigkeit über mich ergehen und merke, auch sie ist vergänglich…

Wir erwarten sehr viel von uns selbst. Wir streben nach Glück, obwohl wir wissen dass es nicht von Dauer ist. Wir wissen, dass Minimalismus kein Rezept ist. Bewusstsein gibt uns viel, aber es verspricht uns nichts. Manchmal sind wir trotzdem traurig. Einfach so. Wir sind mittendrin, in einer schlechten Phase, in all den Selbstzweifeln die wir sonst so gut wegstecken und ein wenig ratlos. Wir wissen nicht was wir mit uns anfangen sollen, sind nervös und müssen uns ständig überwinden. Und alles ist durchwachsen mit Zweifeln wie ein Stück Steak, dass ich nicht auf meinem Teller haben will.

Für euch veröffentliche ich heute ein Essay der etwas anderen Art. Kein typischer Post, keine Tipps, keine Gedanken an denen man sich festhalten kann, eher ein kleiner Ausflug in ein Thema das nicht so wirklich akzeptiert wird in unserer Gesellschaft. Traurigkeit ist irgendwie nicht okay. Sie ist ein ungebetener Gast. Und doch nur zu Besuch.

Sie kommt. Sie klopft nicht, kündigt sich nicht an. Sie kommt ganz plötzlich, steht im Zimmer und fordert deine Aufmerksamkeit wie eine Sucht oder ein weinendes Kind. Sie bittet nicht, sie fordert. Ihre Gestalt sieht für mich anders aus als für dich. Sie ist groß, aber du fürchtest dich nicht. Du kennst sie, sie war schon oft da. Sie setzt sich neben dich, sieht dich an und wartet. Du willst rennen. Aber du weißt, es ist klüger dich einfach umarmen zu lassen.

Es ist ein bisschen wie der Vollmond, nur nicht so pünktlich. Es ist die Zeit, in der wir uns ganz automatisch in uns kehren. Die Traurigkeit soll erhalten, was jede Emotion verdient: Unsere Aufmerksamkeit. Wir können sie nicht ignorieren und wir können nicht wegrennen. Denn sie wartet. Sie wird uns eine Weile begleiten, uns auf Dinge hinweisen die schief laufen und die wir überdenken sollen, uns in Schranken weisen und uns zurücklassen mit dem Stück Klarheit dass uns vorher gefehlt hat.

Traurig sein ist okay. Es ist nicht schwach, es ist natürlich. Lass dir all die Dinge sagen, die sich angestaut haben. Denk nach, werde dir klar darüber was du willst oder eben nicht.  Natürlich müssen wir wieder aufstehen. Das werden wir auch. Die Traurigkeit ist nur zu Besuch. Sie sitzt mit dir auf der Couch wie eine gute Freundin, trinkt einen Tee mit dir, erzählt dir all die Dinge die du eigentlich nicht hören willst und die doch so wichtig sind und schlussendlich, wenn ihr zusammen geweint habt und du gerade anfängst dich an ihren Aufenthalt zu gewöhnen, steht sie auf und geht. Natürlich verabschiedet sie sich nicht. Sie kommt wieder.

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3 Kommentare zu „Traurigkeit / Nur zu Besuch“

  1. DU HAST DIE TRAURIGKEIT SO NETT BESCHRIEBEN, DASS MIR FAST DIE TRÄNEN KAMEN. UND DU HAST MIR EINEN BLICKWINKEL AUF DIE TRAURIGKEIT ERÖFFNET, DER ES MIR JETZT ERMÖGLICHT MEINE EIGENE TRAURIGKEIT, DIE AUCH VON ZEIT ZU ZEIT BEI MIR ZU BESUCH IST, BESSER ANNEHMEN ZU KÖNNEN. DAS ERINNERTE MICH GLATT AN DEN KINDERFILM „DIE NANNY“ WO ES HEIßT: “ WENN DU MICH BRAUCHST, ABER NICHT WILLST, BLEIBE ICH. WENN DU MICH WILLST, ABER NICHT MEHR BRAUCHST, DANN GEHE ICH.“
    DANKESCHÖN KESSY

    Gefällt 1 Person

  2. Das ist ein sehr schöner Text der mich tief berührt hat. In den Monaten im Herbst habe ich sehr oft melancholische Gefühle und sehr oft überkommen mich Traurigkeit, Trauer und so eine Langsamkeit, so etwas Zähes. Ich versuche seit einiger Zeit dem eine andere Sprache zu geben statt mich zu isolieren, mich abzukapseln und nichts zu machen. Das mache ich jetzt auch noch;) doch ich schreibe und male und baue Skulpturen und bin mit Menschen zusammen, die Freude versprühen, die mich faszinieren, oder die sich bald vom Leben verabschieden – aus den verschiedensten Gründen – und das macht mich manchmal nur noch mehr traurig: doch nach einiger Zeit spüre ich diesen Strom, diese Klarheit, dieses „nah am Leben dran sein“. Manchmal ist es auch eine Art von „Schönheit“ die in der Traurigkeit liegt: dafür eine Sprache zu finden, in der Kunst beispielsweise, in Erfahrungen, das ist für mich ein Weg eine Möglichkeit geworden. Doch ich stehe ganz am Anfang, und weiß gar nicht wie das geht. Ein sehr berührender Text, danke dafür.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

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